Zurück

Peripherie

ÖFIT-Trendschau

 

Öffentliche Informationstechnologie in der digitalisierten Gesellschaft

Trendthema 24:

Peripherie

Stand: Juli 2016



 
Herausgeber:
Mike Weber
Kompetenzzentrum Öffentliche IT
Fraunhofer-Institut FOKUS
Kaiserin-Augusta-Allee 31, D-10589 Berlin
Telefon: +49 30 3463 - 7173
Telefax: + 49 30 3463 - 99 - 7173
info@oeffentliche-it.de
www.oeffentliche-it.de
www.fokus.fraunhofer.de


Autorinnen und Autoren der Gesamtausgabe:
Mike Weber, Stephan Gauch, Faruch Amini, Tristan Kaiser, Jens Tiemann, Carsten Schmoll, Lutz Henckel, Gabriele Goldacker, Petra Hoepner, Nadja Menz, Maximilian Schmidt, Michael Stemmer, Florian Weigand, Christian Welzel, Jonas Pattberg, Nicole Opiela, Florian Friederici, Jan Gottschick, Jens Fromm


Autorinnen und Autoren einzelner Trendthemen:
Michael Rothe, Oliver Schmidt

ISBN: 978-3-9816025-2-4

Juli 2016

Autorinnen/Autoren:
Mike Weber et al.

Bibliographische Angabe:
Mike Weber et al. 2017, Peripherie, In: Jens Fromm und Mike Weber, Hg., 2016: ÖFIT-Trendschau: Öffentliche Informationstechnologie in der digitalisierten Gesellschaft. Berlin: Kompetenzzentrum Öffentliche IT, http://www.oeffentliche-it.de/-/peripherie


Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (CC BY 3.0 DE) http://creativecommons.org/licenses/by/3.0 de/legalcode. Bedingung für die Nutzung des Werkes ist die Angabe der Namen der Autoren und Herausgeber.

Peripherie

 

Medial wird oftmals das Bild der digitalen Abgeschlagenheit ländlicher Gebiete verbreitet. Dabei bieten periphere Räume bei vorhandenem Breitbandzugang möglicherweise Vorzüge für die Bewältigung der Digitalisierung hinsichtlich Gestaltbarkeit, Flexibilität und sozialer Stabilität. Ein organischer Ansatz erscheint für periphere Regionen aussichtsreich, welcher lokale Gegebenheiten, Autonomiegrad und Selbstbestimmtheit in der Umsetzung digitaler Ziele vereint. Ob sich die Vorzüge auch »am Reißbrett« schaffen lassen, wie es etwa unter dem Begriff der Mikrogesellschaften diskutiert wird, darf bezweifelt werden.

Dörfliche Gemeinschaften formen Anforderungen an die digitalisierte Zukunft

Der ländliche Raum als Form geographischer Peripherie wird derzeit stark unter den Aspekten des demographischen Wandels und des mangelnden Breitbandausbaus diskutiert. Die Digitalisierung scheint die Marginalisierung ländlicher Regionen zu verstärken. Dabei bietet die digitale Vernetzung beträchtliche Potenziale für die Abschwächung der Unterschiede zwischen Stadt und Land. Wenn der Zugang zum Netz im wachsenden Umfang über gesellschaftliche Teilhabe entscheidet, dann verliert der Ort an Bedeutung, von dem aus der Zugriff erfolgt. Ob das vollvernetzte Smart Home (siehe Ambient World) dann im siebzehnten Hochhausstockwerk oder auf dem Bauernhof umgesetzt ist, ändert wenig für seine Bewohnerinnen und Bewohner. Ein flächendeckender Breitbandausbau birgt also die Chance, einen Schub für die Angleichung der Lebensverhältnisse im digitalen Raum und darüber hinaus zu leisten (siehe Digitale Gräben). Zugleich können Folgen des Rückbaus anderer öffentlicher Infrastrukturen abgefedert werden. Der aktuelle Rückzug der Sparkassenfilialen aus der Fläche lässt sich angesichts von Online-Banking und immer neuen FinTech-Angeboten recht gut kompensieren.
Eine solche Sichtweise, die aus Dörfern smarte Ministädte bei Netzanschluss und idyllische Rückzugsräume bei Nichtanschluss macht, trifft jedoch nicht den Kern dörflicher Gemeinschaft. Zu diesem Kern zählen die Identität der Einwohnerschaft, die Potenziale zur autarken Lebensweise und die dadurch weitaus größere Gestaltbarkeit der gemeinsamen Ausrichtung. Während Städte intern in unzählige Milieus, Gruppen und Grüppchen zerfallen und extern in ein starkes Abhängigkeitsnetz zur Sicherstellung der Versorgung eingebunden sind, zeichnen sich Dörfer durch starke Systeme von Beobachtung, Beeinflussung und Verhandlung innerhalb des Dorfes (siehe Selbstorganisation) und höherer Autonomie nach außen aus. Der Kern dörflicher Gemeinschaften liest sich wie das Anforderungsprofil für die Zukunft der digitalisierten Gesellschaft: passgenaue Vernetzung, Subsistenz und Prosumtion etwa mit 3D-Druckern, diskreter Umgang mit despektierlichen Informationen (siehe Post Privacy) – um nur einige zu nennen.

Begriffliche Verortung

Netzwerkartige Verortung des Themenfeldes

Netzwerkartige Verortung des Themenfeldes

Gesellschaftliche und wissenschaftliche Verortung

Gesellschaftliche und wissenschaftliche Verortung

Vorzüge können gezielt genutzt werden

Äußere Autonomie und innere Identität eröffnen flexible Gestaltungsräume für die Ausrichtung der Gemeinschaft. Durch allgegenwärtige Kommunikationstechnik kann eine solche Ausrichtung weltweit kommuniziert werden und erlaubt so die weithin sichtbare Ausbildung von Alleinstellungsmerkmalen. Für den Tourismusbereich ist dies bereits oft gelebte Praxis, aber auch im Sport, im Umweltschutz und in der Ökostromproduktion ließen sich solche Entwicklungen bereits in der Vergangenheit beobachten. In Anlehnung an regionalökonomische Überlegungen ließe sich jedoch auch in anderen Gesellschaftsbereichen eine überregionale oder auch weltweite Profilbildung vorstellen. Die geographische Peripherie rückt dann in ausgewählten Bereichen in das Zentrum der digitalen Welt (siehe Glokalisierung). Immer wieder lassen sich Konzepte finden, die Vorzüge der Peripherie gezielt zu nutzen. Retortensiedlungen, exterritoriale Charter Cities und wie Start-up geführte Ministaaten wurden in den letzten Jahren diskutiert und partiell umgesetzt.
In solchen Mikrogesellschaften sollen sich technologische Entwicklungen unter Laborbedingungen testen lassen. Dies verkennt die Grenzen gesellschaftlicher Planbarkeit. Während dörfliche Strukturen immer wieder neu ausgehandelt werden müssen, werden sie in der Mikrogesellschaft vorgegeben. Dass ein solches Setting zu mittelfristig stabilen Strukturen führt, darf bezweifelt werden. Entgegen aller medialen Untergangsprognosen bietet die Digitalisierung also beträchtliche Möglichkeiten für ländliche Regionen, sich den aktuellen Herausforderungen wie dem Bevölkerungsrückgang zu stellen. Gesellschaftliche Clusterbildung, wie sich in Anlehnung an regionalökonomische Konzepte formulieren ließe, kann einen wesentlichen Beitrag dabei leisten. Wie stark sich dieser Trend durchsetzen kann, hängt auch von der Leistungsfähigkeit der digitalen Infrastruktur in der Peripherie ab.

Themenkonjunkturen

Suchanfragen und Zugriffe auf Wikipedia-Artikel

Suchanfragen und Zugriffe auf Wikipedia-Artikel

Wissenschaftliche Publikationen und Patentanmeldungen

Wissenschaftliche Publikationen und Patentanmeldungen

Folgenabschätzung

Möglichkeiten

  • Substitution anderer öffentlicher Infrastrukturen durch Digitalisierung
  • Naturbelassenes Rückzugsgebiet
  • Belastbare soziale Strukturen
  • Erprobter Umgang mit Diskretion
  • Modernisierung von Subsistenz (Prosumtion, 3D-Drucker)
  • Spezialisierung und Positionierung im digitalen Raum; etwa für ein übergreifendes Tourismusmarketing

Wagnisse

  • Demographischer Wandel und Migration in Metropolregionen
  • Schleppender Breitbandausbau
  • Ausschöpfung der Potenziale der Digitalisierung in ländlichen Regionen
  • Zu große oder zu geringe Autonomiegrade vor Ort
  • Ruinöser Konkurrenzkampf zwischen Gebietskörperschaften

Handlungsräume

Breitbandausbau

Ein flächendeckender Breitbandzugang ist Grundvoraussetzung zur Gestaltung in der digitalen Welt. Fehlender Zugang bedeutet den Ausschluss von gesellschaftlicher Teilhabe und verhindert den Aufbau angemessener Wissensinfrastrukturen.

Stärkung des ländlichen Raumes und seiner Autonomie

Ländliche Gemeinschaften wissen am besten, welche Stärken sie stärken und welche Schwächen sie ausgleichen können und wollen. Hierzu bedürfen sie auch finanzieller Handlungsspielräume, um sich im globalisierten und digitalisieren öffentlichen Raum positionieren zu können.

Anerkennung und Imagestärkung

Die Vorzüge peripherer Regionen in der Digitalisierung lassen sich leichter nutzen, wenn sie auch von übergeordneten Gebietskörperschaften betont und im Einzelfall hervorgehoben werden.