Zurück

Stupsen

ÖFIT-Trendschau

 

Öffentliche Informationstechnologie in der digitalisierten Gesellschaft

Trendthema 28:

Stupsen

Stand: August 2016



 
Herausgeber:
Jens Fromm und Mike Weber
Kompetenzzentrum Öffentliche IT
Fraunhofer-Institut FOKUS
Kaiserin-Augusta-Allee 31, D-10589 Berlin
Telefon: +49 30 3463 - 7173
Telefax: + 49 30 3463 - 99 - 7173
info@oeffentliche-it.de
www.oeffentliche-it.de
www.fokus.fraunhofer.de


Autorinnen und Autoren der Gesamtausgabe:
Mike Weber, Stephan Gauch, Faruch Amini, Tristan Kaiser, Jens Tiemann, Carsten Schmoll, Lutz Henckel, Gabriele Goldacker, Petra Hoepner, Nadja Menz, Maximilian Schmidt, Michael Stemmer, Florian Weigand, Christian Welzel, Jonas Pattberg, Nicole Opiela, Florian Friederici, Jan Gottschick, Jens Fromm


Autorinnen und Autoren einzelner Trendthemen:
Michael Rothe, Oliver Schmidt

ISBN: 978-3-9816025-2-4

August 2016

Autorinnen/Autoren:
Mike Weber et al.

Bibliographische Angabe:
Mike Weber et al. 2017, Stupsen, In: Jens Fromm und Mike Weber, Hg., 2016: ÖFIT-Trendschau: Öffentliche Informationstechnologie in der digitalisierten Gesellschaft. Berlin: Kompetenzzentrum Öffentliche IT, http://www.oeffentliche-it.de/-/stupsen


Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (CC BY 3.0 DE) http://creativecommons.org/licenses/by/3.0 de/legalcode. Bedingung für die Nutzung des Werkes ist die Angabe der Namen der Autoren und Herausgeber.

Stupsen

 

Große politische Zielsetzungen erzielen nicht immer die gewünschte Wirkung, kleine Stupser (engl. »Nudges«) mitunter schon. Änderungen der Entscheidungssituation können Menschen auf sanfte Weise zu Gemeinwohlförderlichem Verhalten bringen. Verhaltensökonomische Modellierungen dienen der Identifikation der richtigen Anstöße. Große Datenmengen und ihre Analyse eröffnen dafür völlig neue Möglichkeiten, die für die effiziente und effektive Implementation politischer Maßnahmen genutzt werden sollen – bei vollständiger Entscheidungsfreiheit der Betroffenen.

Obst statt Pudding

Steht das Obst in der Cafeteria zu Beginn der Dessertdarbietung, greifen mehr Menschen zum gesunden Nachtisch. Individuell rational ist das nicht: wenn ein Entscheider mit der Präferenz für Pudding in die Cafeteria gekommen ist, dann sollte die Art der Darreichung bedeutungslos sein. Ist sie aber offenbar nicht. Die Gestaltung der Situation beeinflusst das Entscheidungsergebnis und damit das Verhalten der Menschen. Dies obgleich die Wahlfreiheit nicht eingeschränkt wird: weder werden Handlungsoptionen beschnitten, noch Handlungsfolgen verändert. Der Entscheider wird lediglich sanft in die gewünschte Richtung gestupst.
Was in jedem Geschäft für die Platzierung teurer Produkte seit eh und je genutzt wird, ist für die ökonomische Theorie ein noch recht junges Forschungsfeld. Die Verhaltensökonomie versucht solche Einflüsse auf sonst als rational angesehene Entscheider explizit zu modellieren. Um die Änderungen beobachten zu können, war die Forschung bisher auf experimentelle Anordnungen und Befragungen angewiesen. Diese Beobachtungen sind notwendigerweise auf wenige Zeitpunkte und unterkomplexe Anordnungen angewiesen.

Erhebliche Potenziale für die Forschung

Durch die umfassende Beteiligung an sozialen Netzwerken, die rasante Verbreitung körpernaher Sensoren und neue Analyseverfahren für die zeitnahe Auswertung großer Datenmengen ergeben sich nun vollkommen neue Analysemöglichkeiten, die eine feingranulare Abstimmung von Entscheidungssituationen erlauben (siehe Daten-Philanthrop). Menschliches Verhalten kann so dauerhaft in kurzen Messintervallen in der jeweiligen Alltagswelt erfasst und ausgewertet und die Ergebnisse können umgehend zurückgespielt werden.
Die Implikationen für die sozialwissenschaftlich-empirische Forschung sind beträchtlich. Unterschiedliche Fragestellungen lassen sich mit geringem Zusatzaufwand zeitnah auswerten, wobei Beeinflussungsversuche durch Änderungen in der Entscheidungssituation gezielt ausprobiert werden können. Vereinzelt erinnern die mit den neuen Möglichkeiten verknüpften Hoffnungen an die längst verblasste Vision einer Sozialtechnik, die eine gezielte Steuerung des Gemeinwesens anstrebt. Auch wenn diese Vorstellung die Determiniertheit menschlichen Verhaltens dramatisch überschätzt (siehe Selbstorganisation), bieten sich doch Potenziale für die sanfte Beeinflussung des Einzelnen und damit des Gemeinwesens insgesamt.

Begriffliche Verortung

Netzwerkartige Verortung des Themenfeldes

Netzwerkartige Verortung des Themenfeldes

Gesellschaftliche und wissenschaftliche Verortung

Gesellschaftliche und wissenschaftliche Verortung

Individuelle Beeinflussung

Aus einer politischen Steuerungsperspektive erscheinen die Möglichkeiten reizvoll. Die Wirkung politischer Maßnahmen lässt sich in bisher ungeahntem Detailgrad erfassen und die Maßnahmenwirksamkeit durch ein sehr sanftes Mittel erhöhen (siehe Verwaltung x.0). Statt etwa durch Verbote oder Steuern massiv in die Entscheidungsfreiheit der Betroffenen einzugreifen, werden nur die Entscheidungssituationen modifiziert. Konnten diese Modifikationen bisher nur einheitlich erfolgen, erlaubt die Digitalisierung ihre Individualisierung. So können beispielsweise individualisierte Ermunterungen in Stresssituationen gezielter auf den Nikotinverzicht von Rauchern wirken als Fotos auf Zigarettenschachteln. Für sonst nur sehr bedingt dem staatlichen Einfluss unterliegende Fragestellungen wie etwa gesunde Ernährung und Lebensweise sind die Möglichkeiten augenscheinlich. Die gegenwärtige Konjunktur von Fitness-Trackern (siehe Wearables) zeigt, dass es bereits eine beträchtliche Nachfrage nach motivationsfördernden technischen Instrumenten gibt. Die Aufzeichnung von Aktivitäten zur Eigenmotivation, kontextbezogene Erinnerungen an sportliche Aktivitäten und der Vergleich mit Sportfreunden in sozialen Netzwerken und Bestenlisten erinnern dabei an Instrumente von Gamification-Ansätzen.
Aber auch für andere Politikbereiche werden die Überlegungen nutzbar gemacht. Dazu zählen etwa Finanzmarktregulierung (siehe Kryptowährung), Geldpolitik, Verkehrsmittelwahl (siehe Autonomes Fahren), Verbraucherschutz, Mediennutzung (siehe Massenmedien) und Korruptionsbekämpfung. Das Stupsen ist dabei stets nur ein Instrument zur Erreichung politischer Zielsetzungen, durch das sich die Wirksamkeit politischer Maßnahmen mitunter erhöhen lässt. Indoktrination, Manipulation politischer Präferenzen und Beeinträchtigung des politischen Willensbildungsprozesses müssen stets Tabu sein. Vielmehr liegt der Fokus darauf, Implementationshürden leichter zu überwinden, wenn die vorherrschenden Entscheidungssituationen andernfalls die Wirkung zuvor beschlossener Maßnahmen konterkarieren würden: Das Sichtbarmachen des gegenwärtigen Energieverbrauchs als Ansporn zum Sparen und Privacy by Default Einstellungen bei Anwendungen sind Beispiele hierfür. Die immer wieder geäußerte Sorge um einen politischen Paternalismus, bei dem der Staat das Verhalten seiner Untergebenen steuert, überbewertet allerdings die Möglichkeiten. Selbst den weit ausgefeilteren Stupsern in der Werbung (siehe Werbeblocker) kann man sich durch eine bewusste Entscheidung leicht entziehen.

Themenkonjunkturen

Suchanfragen und Zugriffe auf Wikipedia-Artikel

Suchanfragen und Zugriffe auf Wikipedia-Artikel

Wissenschaftliche Publikationen und Patentanmeldungen

Wissenschaftliche Publikationen und Patentanmeldungen

Folgenabschätzung

Möglichkeiten

  • Feingranulare Anpassung von politischen Maßnahmen
  • Bewahrung der Entscheidungsfreiheit und belassen der Verantwortung für Handlungsfolgen bei den Bürgern
  • Überwindung von Implementationshürden
  • Effektivitätssteigerung politischer Maßnahmen
  • Wirksamkeit der Stupser als Feedback zur Akzeptanz politischer Maßnahmen und Ziele
  • Verstärkung eigener Zielsetzungen
  • Empirisch-gesellschaftswissenschaftlicher Erkenntnisgewinn

Wagnisse

  • Naive Annahmen über die Determiniertheit menschlichen Verhaltens
  • Anspruchsvolle Theoriebildung und Modellierung
  • Feines Austarieren, um Gefühl der Gängelung und Manipulation zu vermeiden
  • Pervertierung des Instrumentes zur Gängelung und Manipulation von Bürgern und Kunden
  • Unbewusste Beeinflussung menschlichen Verhaltens
  • Unzureichende Akzeptanz der Ziele
  • Radikalisierung durch individuelle und gesellschaftliche Selbstverstärkungsmechanismen
  • Schutz der Privatsphäre bei Datenerhebung und Individualisierung von Stupsern

Handlungsräume

Transparenz in der Anwendung

Politische Zielsetzungen ändern sich. Bei der Verwendung verhaltensökonomischer Modellierungen für wirksames Regieren muss daher eine weitgehende Transparenz von Zielen und Instrumenten gewährleistet sein. Stupst der Staat richtig – sprich: mit effektiven Mitteln in eine gesellschaftlich akzeptierte Richtung – kann den Instrumenten ihre Offenlegung nichts anhaben.

Rahmenbedingungen für Verhaltensbeeinflussung

Diese Transparenz gilt es auch bei nicht-staatlichem Stupsen so weit wie möglich zu erhalten, um souveräne Entscheidungen der Betroffenen zu erleichtern.

Interdisziplinäre Forschungsförderung

Sobald Forschung auf Verhaltensbeeinflussung abzielt, lässt sich das Postulat einer Wertfreiheit der Wissenschaft nur noch bedingt aufrechterhalten. Die Forschungsförderung muss daher auf interdisziplinäre Verbünde ausgerichtet sein, bei denen normative Wissenschaften, insbesondere Geistes- und Rechtswissenschaften, eine zentrale Rolle spielen.