Junge Perspektiven auf die Verwaltung:
Das U30-Barcamp zur Zukunft von Staat und Verwaltung

Wie sieht ein attraktiver Arbeitsplatz in der öffentlichen Verwaltung im Jahr 2030 aus? Welche Chancen bieten Blockchain und Künstliche Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung? Hat das hierarchische Führungsmodell der Verwaltung ausgedient?

Diese und weitere Fragen stellten und beantworteten rund einhundert junge Menschen auf dem U30 Barcamp zur Zukunft von Staat und Verwaltung am 1. Juni 2018 im bunt gestalteten Microsoft Atrium in Berlin. Eingeladen hatte die wegweiser GmbH, um Fragen und Ideen für den Zukunftskongress Staat & Verwaltung 2018 zu generieren. Gefolgt waren dieser Einladung zahlreiche Teilnehmende „um die 30 Jahre" aus Verwaltung - von Amtsgericht bis Rentenversicherung -, verwaltungsnahen Organisationen wie Beratungsunternehmen oder Gewerkschaften, und der universitären und außeruniversitären Forschung.

Konzipiert und angeleitet wurde das Barcamp-Format, das auf Eigeninitiative und Mitarbeit der Teilnehmenden beruht, durch die Luftmenschen Lena Sarp und Julius Falk sowie durch Basanta Thapa, Mitarbeiter des Kompetenzzentrums Öffentliche IT. Nach kurzen Grußworten der Hausherrin von Microsoft Deutschland, Tanja Böhm, sowie von Professor Gerhard Hammerschmid von der Hertie School of Governance und Beratern der Cassini Consulting, die auf das übergeordnete Thema „Zukunft von Staat und Verwaltung" einstimmten, übernahmen die Teilnehmenden das Ruder. Sie befüllten das bereitgestellte Raster von Räumen und Zeiten mit ihren eigenen Themen, die sie anschließend in Gruppen diskutierten.

Dabei dominierten als Themen vor allem die vielfältigen Möglichkeiten der Digitalisierung sowie Fragen der „neuen Arbeit" in der öffentlichen Verwaltung.

Blockchain, KI & Co

In den Gruppen zu Künstlicher Intelligenz und Blockchain ging es um ein erstes Abtasten dieser Technologien: Wofür kann KI im öffentlichen Sektor eingesetzt werden? Wie kann KI mit Ermessensspielräumen der Verwaltung umgehen? Welche Rahmenbedingungen sind für den Einsatz von KI in der Verwaltung zu klären? Zu Blockchain in der Verwaltung diskutierten die Teilnehmenden vorwiegend Einsatzszenarien, beispielsweise in Verwaltungsregistern, aber auch zur manipulationssicheren Dokumentation von erteilten Vollmachten und Berechtigungen.

Eher am Status quo der Verwaltungsdigitalisierung orientierte sich einerseits die Session „Bürgernähe durch Digitalisierung und Medienbruchfreiheit", wo es unter anderem um personalisierte Verwaltungsleistungen, elektronische Identifikation und Signatur, die Wiederverwendung von Daten im Sinne von Once only und medienbruchfreie Prozesse ging, und andererseits der Slot „IT in Behörden: Sicherheit vs. Effizienz". Dieser setzte an mit der These auseinander, dass zum Teil überzogene Sicherheitsanforderungen die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung abwürge, und blickte dann auf Lösungsansätze, um dem IT-Wildwuchs in der Verwaltung Herr zu werden, auf gemeinsame Ressourcen und Plattformen, sowie die Chancen von Open Source, und gelangte schließlich über das Sammeln bestehender Best Practices in der Verwaltung zu der Einsicht: "Es läuft schon vieles sehr gut, wir reden nur nicht darüber!"

Brauchen wir Führung und Hierarchie?

Mehrere Gruppen beschäftigten sich mit Führung und Hierarchie in der öffentlichen Verwaltung. Unter dem Slogan „Disruption der Macht" ging es beispielsweise um die Frage, wie eigentlich Erfolg in der öffentlichen Verwaltung definiert und gemessen wird, und wie daher Menschen in Verantwortungspositionen kommen. Die Runde zu „Führungskraft vs. Fachkraft" untersuchte das Verhältnis von Autorität und Qualifikation in der öffentlichen Verwaltung und forderte anschließend das Trennen von Fachkarrieren, die auf Spezialwissen aufbauen, und Führungsrollen, die auf Sozialkompetenz aufbauen. Die Gruppe „Hierarchische Führung in der öffentlichen Verwaltung" hingegen stellte die Fragen, wozu wir überhaupt Hierarchie in der Verwaltung brauchen, ob dadurch nicht Eigeninitiative und Flexibilität gehemmt werden und wie selbstorganisiertes Arbeiten in der öffentlichen Verwaltung denkbar ist.

Im Feld Strategie und Steuerung empfahl die Gruppe „Wie kann Verwaltung innovativer werden?" eine Fehlerkultur zu fördern, die auch ein Ausprobieren und Scheitern in der Verwaltung zulässt. Die Session „Wo steuern wir hin?" stellte grundlegend infrage, ob eigentlich alle Verwaltungseinheiten wissen, wofür sie da sind und was sie erreichen sollen, und betonte den Mehrwert von klaren Visionen und Missionen auch mit Blick auf Identifikation und Zielstrebigkeit der Mitarbeiter. Um die planvolle Umsetzung dieser Ziele ging es in einem Austausch zu Projektmanagement in der Verwaltung, in dem festgestellt wurde: Die öffentliche Verwaltung betreibt ständig und und fast überall Projektmanagement, aber nicht bewusst und oft nicht auf der Höhe der Zeit. Die Teilnehmenden empfahlen daher, ein Bewusstsein für Projektmanagement als Handwerk zu schaffen, Mitarbeiter und Strukturen zu professionalisieren, und über Verwaltungen hinweg einen Erfahrungsaustausch zu ermöglichen.

Verwaltung als attraktiver Arbeitgeber

Um das Schlagwort Personalpolitik herum warf die Session „Verwaltung als Karriereetappe" die Idee auf, statt geschlossener Laufbahnen einen freien Wechsel zwischen Wirtschaft und Verwaltung zu fördern, um Know-how zu transferieren und eine flexiblere Personalplanung zu ermöglichen. Als Voraussetzung identifizierten die Teilnehmenden flexiblere Arbeitsverhältnisse, aber auch mehr Fokus auf Personalentwicklung in der öffentlichen Verwaltung, um diese als Etappe attraktiv zu gestalten, sowie einen radikalen Imagewandel der Verwaltung weg von der drögen Amtsstube hin zu einem Ort des Engagements für die Gesellschaft. Eine andere Gruppe entwickelte organisatorische Strategien wie z. B. parallele Übergangszeiten alter und neuer Mitarbeiter, größere Wertschätzung für Erfahrungswissen, aber auch digitale Ansätze wie Kontaktdatenbanken und gemeinsame virtuelle Workspaces. Und beantwortete damit die Frage „Wie kann das Wissensmanagement in der öffentlichen Verwaltung verbessert werden?" – gerade angesichts einer Pensionierungswelle. Die Teilnehmenden in der Diskussion um den „Verwaltungsarbeitsplatz der Zukunft" im Jahr 2030 forderten: Die Motivation der Mitarbeiter ernst nehmen! Und zwar durch flexible und familienfreundliche Arbeitszeiten, abwechslungsreiche, selbstbestimmte Tätigkeiten, digitale Helfer für Routinetätigkeiten, und die Wertschätzung abgeschlossener Aufgaben.

Zum Abschluss des Barcamps gestalteten die Teilnehmenden die Papphocker, die sie am Anfang des Tages selbst zusammengebaut hatten, mit Botschaften an den Zukunftskongress. Beim fröhlichen Ausklang des Tages mit Sommergewitter waren die Teilnehmenden positiv beschwingt durch das interaktive und informelle Format und die Begegnung mit vielen anderen jungen Menschen, die motiviert den öffentlichen Sektor voranbringen wollen.

Ergebnispräsentation auf dem Zukunftskongress Staat & Verwaltung 2018

Ein Teil der Teilnehmenden präsentierte die Ideen und Fragen des Barcamps am 18. Juni auf dem Zukunftskongress im Berlin Congress Center, prominent platziert als eine der Eröffnungssessions. Anschließend debattierten die Vorsitzenden der Jusos, Jungen Liberalen und der Grünen Jugend sowie die Berliner IT-Staatsekretärin Sabine Smentek die wichtigsten Punkte des Barcamps. Dabei wurde deutlich, dass das Barcamp einerseits neue Perspektiven auf viele seit langem offene Baustellen der Verwaltungsmodernisierung und Personalpolitik eröffnet, andererseits mit der Betrachtung digitaler Innovationen auch Zukunftschancen in den Blick genommen hat.

Diese ungelösten Fragen mit der frischen Verve der jungen Generation auf den Kongress zu tragen, hat neue Perspektiven und Schwung in das Thema gebracht. Bei einer Neuauflage des Barcamps ist das Kompetenzzentrum Öffentliche IT – wie auch die meisten der Teilnehmenden – gerne wieder dabei!