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Digitalisierung des öffentlichen Sektors: Nachhaltig in die Zukunft – eine Integration zweier Perspektiven

Digitalisierung des öffentlichen Sektors: Nachhaltig in die Zukunft – eine Integration zweier Perspektiven

Von Dorian Wachsmann

Es herrscht inzwischen weitgehender Konsens darüber, dass eine Erforschung der Wechselwirkungen von Digitalisierung und Nachhaltigkeit essentiell ist. Dabei besteht jedoch eine Gefahr sich zu verzetteln: so breit sind diese Begriffe, so verschieden ihr Verständnis. High-level-Perspektiven bergen die Gefahr, sich in Allgemeinplätzen zu verlieren: Wenn über alles gesprochen wird, über was wird dann überhaupt gesprochen?

Was helfen kann, ist klar zu benennen, was gemeint ist und zu konkretisieren, wo möglich. Die neue Blogreihe »Digitalisierung des öffentlichen Sektors: Nachhaltig in die Zukunft« soll dafür Akteur:innen Raum geben, die auf unterschiedliche Weise an der spannenden Schnittstelle zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit agieren und die »doppelte Gestaltungsaufgabe« vorantreiben. Sie schließt dabei an das von ÖFIT im Jahr 2023 veröffentlichte White Paper »Wertebasierte Digitalisierung für nachhaltige Entwicklung im öffentlichen Sektor« an.

Diesem ersten Text liegt ein Nachhaltigkeitsbegriff zugrunde, der auf dem Gedanken der Generationengerechtigkeit basiert und geht auf die Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Bericht) von 1987 zurück: »Nachhaltige Entwicklung ist eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen.« Der Kerngedanke dabei ist, weder auf Kosten zukünftiger Generationen noch auf Kosten von Menschen anderer (Welt-)Regionen zu leben und zu wirtschaften. 2015 wurden von der UN in der Agenda 2030 die Sustainable Development Goals (SDGs) als ein globales Rahmenwerk für nachhaltige Entwicklung beschlossen. Diese 17 Ziele erstrecken sich über die drei Nachhaltigkeitsdimensionen Ökologie, Ökonomie und Soziales und sind global weitgehend akzeptiert. Diese übergreifenden Ziele wurden von Deutschland in der Nachhaltigkeitsstrategie aufgegriffen und konkretisiert. Auch auf Landes- und Kommunalebene gibt es vermehrt Strategien, die explizit die SDGs als Basis nehmen und für die spezifischen Situationen vor Ort adaptieren.

Digitale Technologien spielen dabei eine entscheidende Rolle. Es wird immer deutlicher, dass sie - richtig eingesetzt – dazu beitragen können, die Ziele zu erreichen. Gleichzeitig müssen sie dafür auf eine Art gestaltet sein, dass sie nicht selber zu einem Problem werden. Zwei Perspektiven werden unterschieden:

  1. Digitalisierung für Nachhaltigkeit: Digitale Technologien einsetzen, um die nachhaltigen Entwicklungsziele schneller zu erreichen.
  2. Nachhaltige Digitalisierung: Digitale Technologien nachhaltiger gestalten, damit sie nicht selbst zu einem Problem werden.

Digitale Technologien für nachhaltige Entwicklungsziele

Die UN veröffentlicht jährlich einen Bericht über den Fortschritt der Verwirklichung der SDGs. Der Bericht aus dem Jahr 2023 hält fest, dass »bei mehr als 50 Prozent der Zielvorgaben [..] nur geringe und unzureichende Fortschritte erzielt« wurden. Im weiteren Bericht werden dringende Maßnahmen in fünf Schlüsselbereichen identifiziert, unter anderem drittens »[..] sollten die Regierungen die öffentlichen Institutionen auf nationaler und subnationaler Ebene zugunsten rascherer Fortschritte bei den Nachhaltigkeitszielen stärken«. Das heißt unter anderem in »die Kapazitäten des öffentlichen Sektors und eine geeignete digitale Infrastruktur« zu investieren. Aus dieser Perspektive lässt sich zum Beispiel (richtig umgesetzt) die Verwaltungsdigitalisierung als ein Beitrag zu nachhaltiger Entwicklung auf nationaler Ebene verstehen. Schließlich ist ein moderner, handlungsfähiger öffentlicher Sektor zur Erfüllung vieler Nachhaltigkeitsziele zentral, siehe »3. Gesundheit und Wohlergehen«, »4. Hochwertige Bildung« oder »11. Nachhaltige Städte und Gemeinden«.

Darüber hinaus versprechen Schlüsseltechnologien wie Künstliche Intelligenz auf vielfältige Weise, einen Beitrag zur Erreichung der Entwicklungsziele leisten zu können, sei es bei der Optimierung von Prozessketten, bei der Analyse von Ökosystemen oder auch im Kontext der Mobilitätswende.

Digitale Technologien »in sich selbst« nachhaltiger gestalten

Die Entwicklung und Nutzung digitaler Technologien birgt zugleich das Risiko, zu Zielkonflikten zu führen. Schlüsseltechnologien bergen über den gesamten Lebenszyklus Gefahren, den Nachhaltigkeitsbestrebungen in allen Dimensionen entgegenwirken können. Das lässt sich am Beispiel der Entwicklung und Nutzung Künstlicher Intelligenz, insbesondere sogenannter »Large Language Models« diskutieren. Zu den Fragen, die sich aus einer Nachhaltigkeitsperspektive bei der Nutzung solcher Technologien ergeben, zählen beispielsweise: Wer kuratiert die (unter Umständen sensiblen oder expliziten) Daten unter welchen Bedingungen und im Hinblick auf welche Grundannahmen? Wieviel Energie (gerechnet in CO2-Äquivalente) benötigt das Training der Modelle? Und schließlich: Welchen sozialen Impact haben die Modelle in der Anwendung, welche Gruppen sind betroffen? Während manche dieser Fragen vergleichsweise einfach durch Messungen und Erhebungen zu beantworten sind, beziehen sich andere Fragen auf komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen, die schwer zu quantifizieren und nachzuvollziehen sind. Wenn die Entwicklungsprozesse undurchsichtig, die Modelle schwer oder gar nicht nachvollziehbar, und/oder die zugrunde liegenden Wertvorstellungen der Entwicklung unklar sind, wie können solche Modelle nachhaltig sein? Wenn daher der öffentliche Sektor von den Potentialen der Technologien profitieren soll, braucht es (1) sowohl klare Kriterien und Orientierung, nach welchen Maßstäben Technologie beschaffen oder entwickelt werden sollen und (2) Transparenz über den gesamten Prozess hinweg.

Das Nachhaltigkeitscanvas

ÖFIT hat mit dem White Paper eine Integration der zwei beschriebenen Perspektiven vorgenommen. Das dabei entstandene Nachhaltigkeitscanvas ist ein Werkzeug, das insbesondere in der Findungsphase neuer Digitalisierungsprojekte zum Einsatz kommen kann, um einen Überblick über ganzheitliche Nachhaltigkeitsaspekte zu gewinnen. Es ist gewissermaßen als eine Art Business-Model-Canvas für Nachhaltigkeit zu verstehen. Die Autoren wollen damit ein Tool bereitstellen, das eine strukturierte Einschätzung von Digitalisierungsprojekten im öffentlichen Sektor auf ganzheitliche Nachhaltigkeitsaspekte ermöglicht. Neue oder in Planung befindliche Projekte können dadurch eine Orientierung erhalten, was für eine nachhaltige Umsetzung wichtig ist. Es ist nicht im eigentlichen Sinne ein Bewertungstool, da kein Score oder ähnliches berechnet wird, der ein Urteil zur Nachhaltigkeit abgeben würde, stattdessen geht es um eine Selbsteinschätzung und Reflektion über relevante Konzepte im Kontext des eigenen Projektes.

Abbildung 1: Das Nachhaltigkeits-Canvas als Poster (ÖFIT-Illustration)

Weiterführendes von ÖFIT:

Titelbild der Publikation Wertebasierte Digitalisierung für nachhaltige Entwicklung im öffentlichen Sektor

April 2023

Wertebasierte Digitalisierung für nachhaltige Entwicklung im öffentlichen Sektor

Digitalisierung und Nachhaltigkeit stellen grundlegende strukturelle Transformationen dar, die zusammengedacht werden sollten. Um dies erfolgreich zu meistern, kann die öffentliche Hand digitale Technologien als Werkzeug zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen einsetzen. Gleichzeitig sollten digitale Technologien anhand von Nachhaltigkeitskriterien »in sich selbst« nachhaltiger gestaltet werden. Das White Paper präsentiert relevante Konzepte, Kriterien und Werkzeuge, welche die Nachhaltigkeitsbewertung von Digitalisierungsvorhaben erleichtern. Diese werden in einem »Nachhaltigkeits-Canvas« zusammengeführt, welches Akteur:innen aus dem öffentlichen Sektor bei der Umsetzung solcher Vorhaben unterstützen kann. Ergänzt wird das White Paper durch eine kommunale Praxisperspektive der Landeshauptstadt Kiel, die gemeinsam mit City & Bits erarbeitet wurde. Neben der Publikation kann ebenfalls das Nachhaltigkeits-Canvas als Poster heruntergeladen werden.

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Veröffentlicht: 03.07.2024