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Offene Gemeinschaftsgärten: Die Verwaltung als Open-Source-Mitgestalterin

Offene Gemeinschaftsgärten: Die Verwaltung als Open-Source-Mitgestalterin

Von Christian Weidner

Ein Überblick über alle Beiträge dieser Reihe befindet sich hier: Blogreihe Open Source

Der strategische Einsatz von Freier- und Open-Source-Software (FOSS) in der öffentlichen Verwaltung ist kein neuer Trend. Im Gegenteil: Bereits Anfang der 2000er Jahre wollten Kommunen, Landesverwaltungen und Bundesbehörden durch breit angelegte Software-Migrationsprojekte verstärkt FOSS einsetzen, um Pfadabhängigkeiten zu namhaften proprietären Produkten möglichst gering zu halten. Das BSI testete bis 2006 im Rahmen des ERPOSS-Projekts einen vollumfänglichen FOSS-Arbeitsplatz für den Behördenbetrieb, samt eigenem Betriebssystem auf Basis der Linux-Distribution Debian. Die bayerische Landeshauptstadt München ging einen Schritt weiter und setzte die eigene Linux-Distribution LiMux bis vor wenigen Jahren im Produktivbetrieb ein.

Abgesehen von kleineren kommunalen Ausnahmen, wie Schwäbisch Hall und Treuchtlingen, die bis heute konsequent frei lizenzierte Software im täglichen Verwaltungsbetrieb einsetzen, konnte sich der Großteil dieser Projekte im langfristigen Einsatz nicht etablieren. Die Gründe für das Scheitern des damals durchaus ambitionierten FOSS-Einsatzes waren und sind so vielfältig wie der FOSS-Markt selbst: Für Mitarbeitende war es oftmals schwer sich an ungewohnte Nutzungsumgebungen anzupassen und so erreichten diese Projekte selten ausreichende Akzeptanz unter den Anwender:innen. Die IT-Sicherheit litt unter paralleler Schatten-IT, die durch die Belegschaft mit darauf installierter proprietärer Software zusätzlich betrieben wurde. Nicht zuletzt verfehlten FOSS-Projekte häufig die Erwartungen in Bezug auf vermeintliche Kosteneinsparungen durch ausbleibende Lizenzgebühren. Betrieb, Pflege und Weiterentwicklung der Systeme benötigen einen entsprechenden Koordinierungs- und Personenaufwand, der sich auch finanziell auswirkt.

Der FOSS-Markt hat sich seit LiMux und ERPOSS weiterentwickelt. Nonprofit-Projekte sind professioneller aufgestellt und erwarten entsprechende Beteiligungen, die die Privatwirtschaft durch Adaptionen ihrer Geschäfts- und Partnerschaftsmodelle leisten will. Ausgereifte Ökosysteme aus Lead Usern, Entwickler:innen und Unternehmen bilden sich so mittlerweile um die frei lizenzierten Softwareprojekte.

Weiterführende Literaturempfehlungen, FOSS-Verwaltung der 2000er Jahre:

Die, vom ehemaligen Fachgebiet »Informatik und Gesellschaft« der TU Berlin, zwischen 2004 und 2008 jährlich herausgegebene Buchreihe »Open Source Jahrbuch«, behandelte neben allgemeinen Themen der FOSS-Bewegung auch vertiefende Artikel und Berichte zu verwaltungsnahen FOSS-Projekten jener Zeit. Auf der (noch) unter folgendem Link abrufbaren Internetpräsenz des gleichnamigen Fördervereins, findet sich die gesamte Buchreihe: Opensourcejahrbuch.de

Leonhard Dobusch untersuchte im Rahmen seiner Promotion die Linux-Migrationsprojekte ausgewählter Kommunalverwaltungen. Seine Monographie »Windows versus Linux. Markt – Organisation – Pfad« ist 2008 im Verlag für Sozialwissenschaften erschienen: Link Springer

Von der Community lernen

Unsere Civic Tech-Blogreihe verdeutlichte Möglichkeiten, Potenziale sowie Herausforderungen für die öffentliche Verwaltung im Umgang mit zivilgesellschaftlichem digitalem Engagement. Die Zuhilfenahme von FOSS, ihrer Transparenz durch die besondere Lizenzgestaltung, die Möglichkeit kollaborativer Entwicklung und dem Potenzial höherer Souveränität über die Software spielt für die Civic-Tech-Szene eine herausragende Rolle. Die digitale Zivilgesellschaft tritt jedoch nicht nur als Nutznießerin auf. Im Gegenteil, sie definierte, gestaltete und prägte in den letzten vierzig Jahren das Bild von FOSS.

In der ÖFIT-Studie »Ein Open-Source-Ökosystem für die öffentliche Verwaltung« skizzierten Basanta Thapa, Dorian Grosch und Christian Weidner, Autor dieses Blogbeitrags, die Ausgestaltung der FOSS-Logiken in Bezug auf die öffentliche Verwaltung. In Vorträgen und Gastbeiträgen nutzten wir dafür die Metapher »Gärtnern statt Kaufen«. Damit wollten wir aussagen, dass FOSS im Sinne ihrer Prinzipien von unterschiedlichen Akteur:innen, im virtuellen Gemeinschaftsgarten gesät, gedüngt, gewässert und geerntet wird – statt des „einfachen“ Kaufens von proprietärer Software wie abgepackte Äpfel im Supermarkt. Und im besten Fall begegnen sich in diesem Ökosystem alle Beteiligten auf Augenhöhe. Die Weiterentwicklung oder Pflege von FOSS-Projekten sollte so auch vom öffentlichen Sektor durch Ideen, Fehlerbehebungen, Codebeiträge oder Finanzierungen möglichst nachhaltig sichergestellt werden.

Der Gemeinschaftsgarten

Die öffentliche Hand etablierte in den letzten Jahren diverse Akteur:innen, die sich dezidiert dem FOSS-Markt zugewandt haben. Orientierungshilfen gibt es einige: Die anfangs erwähnten gewonnenen Erfahrungen eigener FOSS-Projekte spielen wahrscheinlich eine ähnlich wichtige Rolle, wie aus der FOSS-Wirtschaft und -Zivilgesellschaft adaptierte Praktiken. Die (monetäre) Förderung mit Hilfe entsprechender Programme durch finanziell stärkere Unternehmen ist im FOSS-Ökosystem ebenso relevant, wie die organisationsinterne Etablierung sogenannter »Open Source Program Offices«. Diese verwalten und betreuen eingesetzte FOSS, entwickeln organisationsweite FOSS-Strategien und stehen in der Umwelt der Organisation im Austausch mit der haupt- wie ehrenamtlichen FOSS-Community. Insgesamt ist es aber die partizipative, bzw. ko-kreative Mentalität jener Strukturen, die einen erfolgreichen FOSS-Einsatz erst ermöglicht.

Weiterführende Literaturempfehlungen, »Open Source Program Offices«:

Das »OpenForum Europe« hat gemeinsam mit der »OSPO Alliance« in der 2022 erschienenen Studie »The OSPO – A New Tool for Digital Government« die gegenwärtigen Entwicklungen der Open Source Program Offices im öffentlichen Sektor untersucht: Openforumeurope.org

Unsere Studie bot Gestaltungsempfehlungen und einen konkreten Lösungsvorschlag, wie sich ein solches Netzwerk aus verwaltungsnahen Akteur:innen zusammensetzen kann: Neben Förderprogrammen und koordinierenden FOSS-strategischen Organisationseinheiten, funktionieren Projekte nicht ohne die vielen internen wie externen Entwickler:innen, Grafiker:innen oder Übersetzer:innen. FOSS-Initiativen wie KoliBri und KERN verstehen es, sich dem Silodenken der Verwaltung durch projektübergreifende Zusammenarbeit zu entziehen. Es braucht aber auch externe Impulse, um zum Beispiel die Barrierefreiheit der Produkte stärker in den Fokus zu rücken. Darüber hinaus hat sich auch eine florierende lokale Wirtschaft um FOSS-Projekte gebildet, die durch einschlägige Kompetenzen die Verwaltung bei der Auswahl, dem Betrieb oder der Weiterentwicklung beratend oder praktisch unterstützen kann.

In den folgenden Beiträgen unserer »Open-Source-Blogreihe« lassen wir nun etablierte und sich derzeit etablierende Beteiligte dieses FOSS-Ökosystems zu Wort kommen. Wir erheben jedoch keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit: Insbesondere das zivilgesellschaftliche Engagement sowohl der staatsferneren Community, aber auch vieler kommunaler beziehungsweise verwaltungsinterner Initiativen, die in dieser Reihe nicht zu Wort kommen, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Die Blogreihe soll einen Beitrag leisten, einen ausgewählten Teil des aktuellen deutschen FOSS-Gemeinschaftsgartens der öffentlichen Verwaltung in seinem aktuellen Zustand zu dokumentieren.

Weiterführendes von ÖFIT:

Ein Open-Source-Ökosystem für die öffentliche Verwaltung

Wie kann ein nachhaltiges Ökosystem zwischen Open-Source-Software, staatlicher Finanzierung und Einflussnahme sowie Akteur:innen aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft aussehen? Um diese Frage zu beantworten, haben wir bestehende Literatur ausgewertet und Expert:innen befragt. In der Publikation wird ein praktischer Vorschlag skizziert, wie etablierte Open-Source-Strukturen mit der öffentlichen Verwaltung verknüpft werden können. Ergebnis ist ein Netzwerk aus Rollen und deren Beziehungen zueinander, welche ein solches ideelles Ökosystem beschreibt. Anhand verwaltungsspezifischer Anwendungsszenarien wird gezeigt, wie die Verwaltung eigene Interessen in der Open-Source-Gemeinschaft vertritt, neue Codebases für eigene Bedarfe initiiert oder Inkubatorin für potentielle Startups wird.


Veröffentlicht: 11.10.2023