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Das Infotool Familie - was kann es, was tut es, wie funktioniert es?

Quelle: BMFSFJ
Quelle: BMFSFJ

Das Infotool Familie — was kann es, was tut es, wie funktioniert es?

von Basanta Thapa und Resa Mohabbat Kar

Editor's Note: Das Infotool Familie ist ein Web-Angebot des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), mit dem Eltern anhand einiger Angaben über ihre Familie herausfinden können, welche Familienleistungen ihnen möglicherweise zustehen. Wir stellen das Infotool selbst, seine Entstehung und seine Bedeutung für die digitale Verwaltung in einer Blog-Reihe vor. Hierfür haben wir mit Vertreter:innen des BMFSFJ und den für die Entwicklung des Tools verantwortlichen Dienstleistern ausführliche Interviews geführt sowie eine Reihe von Dokumenten ausgewertet, die uns für die Fallstudie zur Verfügung gestellt wurden.

Hier ein Überblick über alle Beiträge dieser Reihe:

  1. Das Infotool Familie — was kann es, was tut es, wie funktioniert es?
  2. Technische Entstehung & Umsetzung: Die digitale Logik der Gesetze
  3. Das Projekt Infotool: Politischer Kontext und Entstehungsgeschichte
  4. Ausblick: Richtungszeig für den digitalen Staat

Das Infotool Familie ist ein Web-Angebot des Bundesfamilienministeriums, mit dem Familien leicht ermitteln können, welche staatlichen Familienleistungen ihnen möglicherweise zustehen. Hierzu füllen die Eltern einen Online-Fragebogen mit grundlegenden Informationen zu ihrer Familie aus, woraufhin ihnen die für sie relevanten Leistungen angezeigt werden.

Wie funktioniert das Infotool?

Das Infotool ist ein interaktives Web-Angebot mit einem dynamischen Fragebogen, einer Anzeige der relevanten Familienleistungen und – auf Klick – weiterführenden Informationen zu den Leistungen.

Je mehr Eingaben zu den einzelnen Familienmitgliedern im Fragebogen vorliegen, desto genauer teilen sich die Leistungen in drei Kategorien auf: Leistungen, auf die voraussichtlich Anspruch besteht, Leistungen, auf die voraussichtlich kein Anspruch besteht, und Leistungen, für die noch Angaben fehlen. Durch einen Klick auf die einzelne Leistung erhalten die Nutzer:innen Detailinformationen, weiterführende Links sowie die Möglichkeit, fehlende Angaben zu vervollständigen.

Screenshot des Infotools Familie. Auf der linken Seite beschreiben Nutzer:innen ihre Familie. Auf der rechten Seite gibt es eine Übersicht zu den Leistungen. Quelle: BMFSFJ
Abbildung 1: Auf der linken Seite beschreiben Nutzer:innen ihre Familie. Auf der rechten Seite gibt es eine Übersicht zu den Leistungen. Quelle: BMFSFJ
Screenshot des Infotools Familie. Bei einem Click auf die einzelnen Leistungen wird angezeigt, welche Angaben noch erforderlich sind. Quelle: BMFSFJ
Abbildung 2: Bei einem Click auf die einzelnen Leistungen wird angezeigt, welche Angaben noch erforderlich sind. Quelle: BMFSFJ

Umfang der Leistungen

Das Infotool umfasst die wichtigsten staatlichen Familienleistungen:

  • Basiselterngeld
  • Ehegattensplitting
  • Elterngeld Plus
  • Elternzeit
  • Familienpflegezeit
  • Kindergeld/Kinderfreibetrag
  • Kinderzuschlag
  • Mutterschaftsgeld
  • Mutterschutz
  • Pflegeunterstützungsgeld
  • Pflegezeit
  • Steuerliche Berücksichtigung der Kinderbetreuungskosten
  • Steuerliche Berücksichtigung des Entlastungsbetrags für Alleinerziehende
  • Unterhaltsvorschuss

Für die Integration einer bestimmten Leistung kommt es darauf an, ob sich ihre rechtlichen Anspruchsvoraussetzungen überhaupt in der technischen Grundlage des Infotools abbilden lassen, ob der Entwicklungsaufwand hierfür zumutbar ist bzw. ob sich auf Grundlage der abgefragten Grunddaten zu den Familienverhältnissen überhaupt verlässliche Aussagen zur Anspruchsberechtigung treffen lassen. Neue Leistungen können jederzeit in das Infotool integriert werden.

Bürgerzentrierter Ansatz

Das Konzept des Infotools stellt konsequent die Bürger:innen ins Zentrum. Bereits das seit Juni 2018 freigeschaltete Familienportal präsentiert umfangreiche Informationen zu staatlichen Leistungen für Familien. Welche dieser Leistungen für die einzelne Familie relevant sind, muss jedoch weiterhin jede Familie für sich ermitteln. Das Infotool hingegen wechselt die Perspektive von den Leistungen zur einzelnen Familie, indem die für die jeweilige Familie relevanten Leistungen herausgefiltert werden. Es folgt also einem bürgerzentrierten statt einem verwaltungszentrierten Ansatz.

Dynamischer Fragebogen

Auch die Informationen zur einzelnen Familie werden bürgerzentriert erhoben: Der Fragebogen ist dynamisch gestaltet, d. h. Fragen, die durch bereits gegebene Antworten ausgeschlossen werden können, werden ausgeblendet. Ist eine Mutter beispielsweise nicht berufstätig, werden Fragen, die nur Leistungen für Berufstätige betreffen, gar nicht erst angezeigt. „Das Ziel war, einen möglichst kurzen Clickweg zu den voraussichtlichen Leistungen zu gestalten". Der Fragebogen ist also so gestaltet, dass die Bürger:innen möglichst wenige Fragen beantworten müssen. Die zuerst erfolgenden Abfragen haben die größten Auswirkungen auf die Kategorisierung der im Tool integrierten Leistungen.

Simultane Ergebnisanzeige

Neben dem Fragebogen zeigt das Infotool simultan die Einschätzung der Leistungsansprüche nach aktuellem Eingabestand an. So sehen die Bürger:innen mit jeder Eingabe einen direkten Effekt auf der Seite der Leistungsansprüche. Gleichzeitig kann das Infotool über die Kategorie „Für diese Leistungen fehlen Angaben" auch bis zu einem gewissen Grad mit fehlenden Angaben umgehen, wenn Bürger:innen aus Unsicherheit Antworten auslassen. Dabei helfen auch erklärende Pop-ups zu allen Fragen.

Screenshot des Infotools Familie. Die abgefragten Merkmale werden durch Zusatzinformationen erläutert. Quelle: BMFSFJ
Abbildung 3: Die abgefragten Merkmale werden durch Zusatzinformationen erläutert. Quelle: BMFSFJ
Screenshot des Infotools Familie. Über die im Tool integrierten Leistungen hinaus werden auch Informationen zu weiteren Leistungen eingeblendet, die für die konkrete Familiensituation von Relevanz sein könnten. Quelle: BMFSFJ
Abbildung 4: Über die im Tool integrierten Leistungen hinaus werden auch Informationen zu weiteren Leistungen eingeblendet, die für die konkrete Familiensituation von Relevanz sein könnten. Quelle: BMFSFJ

Transparenz: Warum habe ich keinen Anspruch auf diese Leistung?

Dem bürgerzentrierten Ansatz des Infotools entspricht auch, dass es nicht nur anzeigt, auf welche Leistungen kein Anspruch besteht, sondern auch warum. Ein Klick auf eine solche Leistung öffnet die übersichtliche Begründung für den voraussichtlichen Ausschluss von der Leistung.

Screenshot des Infotools Familie. Quelle: BMFSFJ Das Tool zeigt an, aufgrund welcher Angaben möglicherweise kein Anspruch auf eine bestimmte Leistung besteht.
Abbildung 5: Das Tool zeigt an, aufgrund welcher Angaben möglicherweise kein Anspruch auf eine bestimmte Leistung besteht. Quelle: BMFSFJ

Das macht die Anspruchsvoraussetzungen und Verwaltungsentscheidungen für die Bürger:innen transparent und befreit die Ergebnisse des Infotools vom Verdacht maschineller Willkür. Das häufig im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung und Automatisierung von Bürger-Staat-Interaktionen problematisierte Risiko der mangelnden Nachvollziehbarkeit wird durch einfache Gestaltungsentscheidungen adressiert. Dabei veranschaulicht das Infotool zugleich das Potenzial der Digitalisierung für ein Mehr an Transparenz an den Schnittstellen zwischen Staat und Bürger.

Spaßfaktor mit Informationsgehalt: Alternativen simulieren

Das Infotool setzt bewusst auch auf einen spielerischen Faktor. Mit der dynamischen Benutzeroberfläche und den direkt sichtbaren Auswirkungen auf die Leistungsanzeige macht es Spaß, verschiedene Familienkonstellationen auszuprobieren. Welche finanziellen Auswirkungen hätte ein weiteres Kind? Welche Familienleistungen würden bei einer Reduzierung der Arbeitszeit des Vaters eventuell verfügbar? So können nicht nur Szenarien für die eigene Familie simuliert, sondern auch Fantasiefamilien erstellt werden.

Technische Umsetzung

Das Infotool ist als Webseite plattformunabhängig und niedrigschwellig erreichbar - etwa im Unterschied zu einer Smartphone-App. Die Webseite ist trotzdem mobilfähig. Bei der technischen Umsetzung sind zudem die Fragen der Barrierearmut und der Datensparsamkeit berücksichtigt worden.

Barrierearmut

Die Benutzeroberfläche des Infotools ist ein Kompromiss zwischen User Experience und Barrierearmut. Der dynamische Fragebogen und die sich gleichzeitig aktualisierende Leistungsliste sind Schlüsselelemente für die Benutzerfreundlichkeit des Infotools, allerdings sind genau solche dynamischen Inhalte ein häufiger Stolperstein bei der Barrierearmut. Indem dynamisch neu eingeblendete Fragen in der Tab-Folge nur nach dem aktuellen Ausfüllstand des Fragebogens eingeblendet werden, sichert das Infotool, dass diese Elemente auch mit Lesehilfen wahrnehmbar sind. Dennoch wird hier das Spannungsverhältnis zwischen interaktiver Oberflächengestaltung und möglichst breiter Zugänglichkeit, in dem gerade staatliche Internetangebote stehen, deutlich. Auch grafische Elemente können Barrieren schaffen. Kleine Zeichnungen, beispielsweise für Eltern und Kinder, sollen das Infotool freundlicher und persönlicher wirken lassen. Diese haben jedoch lediglich ergänzenden, keinen ausschließlichen Charakter. Das Infotool wurde mit Blick auf die Richtlinien der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) gestaltet und programmiert. Der BITV-Test ist für 2020 vorgesehen.

Datensparsamkeit

Das Infotool Familie ist konsequent datensparsam gestaltet. „Wir sehen nur: Jemand fordert das Tool an. Danach sind wir raus.", beschreibt eine Verantwortliche die Datenflüsse. Denn die intimen Angaben zur Familie, die die Bürger:innen im Infotool vornehmen, verbleiben lokal auf ihren Rechnern. Das Infotool ist in einem JavaScript Framework in angular js umgesetzt und wird bei Seitenaufruf vollständig in den Browser der Benutzer:innen geladen. Es fließen also keine Angaben auf den Server des Familienministeriums zurück.

Fazit

Das Infotool Familie wirkt mit seiner zurückhaltenden Benutzeroberfläche und dem überschaubaren Funktionsumfang zunächst unscheinbar. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass es elegant und spielerisch die oft geforderte Bürgerzentrierung von Verwaltungsleistungen umsetzt. Die datensparsame technische Umsetzung umgeht oft diskutierte Datenschutzproblematiken. Insgesamt überzeugt das Infotool Familie gerade mit seiner Einfachheit und stellt die Frage in den Raum, warum es nicht viel mehr solcher Angebote gibt.

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